KATA

Kata ist im traditionellen Karate die Übung schlechthin. In ihr wird in stilisierter Art ein Kampf gegen einen/mehrere Gegner (real/fiktiv) dargestellt.

Das Training der Kata zwingt uns Übende, die immer gleichen Situationen ohne Abweichung zu wiederholen, um dadurch bestimmte Grundprinzipien des Karate zu verinnerlichen. Katas dienen daher dem Zweck, die Essenz eines Stils zu konservieren und diese Generationen übergreifend weiterzugeben.

Die Kataentstehung soll sich folgendermaßen abgespielt haben:

Die traditionell engen Beziehungen zwischen China und Ryukyu (Königreich Okinawa) zeigten sich schon im 14. Jahrhundert durch einen engen Austausch zwischen den Kulturen. So entsandten die chinesischen Kaiser immer wieder Adels- und Handwerkerfamilien nach Ryukyu; u.a. die sogenannten „36 chinesischen Familien“. Diese chinesischen Familien übten einen starken Einfluss auf die okinawanische Kultur aus, v. a. in den Bereichen Kalligrafie, Landwirtschaft und Kampfkunst. Unter diesen waren auch immer wieder chinesische Quan-Fu (verballhornt zu Kung-Fu) Meister, so im Jahre 1638 Meister Wanshu und im Jahre 1761 Kushanku (Kosokan, Kwang Shang Fu), der als Gesandter des chinesischen Ming-Kaisers nach Okinawa (Naha) kam.

Kushanku zeigte seinen Schülern Chatan Yara (jap. Kitayara) und dem Tode-Meister Sakugawa eine Kata (chinesisch Dao), die später seinen Namen tragen sollte. Die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe beider Schüler (China/Okinawa) führte auf Dauer zu einer divergierenden Interpretationen dieser ersten Kata mit der Folge, dass sich schon bald verschiedene Versionen der Kushanku entwickelten.

Hierin zeigte sich der grundlegende Konflikt zwischen der Philosophie, die sich hinter den chinesischen Techniken (daoistische und buddhistische philosophische Konzepte, Koordination und Lehre der Vitalpunkte, etc.) versteckte und dem eher nüchternen, auf Wirksamkeit ausgelegten okinawanischen Stil. Die vielen subtilen Angriffe auf Vitalpunkte (China) mussten nüchternen Techniken (Okinawa) weichen, zumal es auf Ryukyu immer wieder zu Aufständen gegen die japanischen Besatzer kam (s. auch Karate Geschichte). Somit galt es, effektive, d.h. tödliche Techniken gegen bewaffnete und mit Rüstungen ausgestattete Samurai zu entwickeln und anzuwenden.

Diese Änderungen in der Kushanku Kata entstanden auch aus den Gründen, dass die einheimische Bevölkerung kaum schreiben konnte und die japanische Besatzung eine Geheimhaltung des Okinawa-Te/Tode erforderte. Es existieren somit keinerlei schriftliche Aufzeichnungen, sondern es blieb bei der mündlichen Überlieferung und der direkten Weitergabe vom Meister auf seine Schüler. Zusätzlich wurden die Kataabläufe vor Nicht-Eingeweihten der Kampfschule (also vor poten-ziellen Ausspähern) kodiert. Hierfür fassten die Meister die Kampftechniken zu didaktisch zusammenhängenden Einheiten mit festgelegten Abläufen/Formen zusammen. Diese genau vorgegebenen Abläufe nennen wir Kata. Dabei bediente man sich als Chiffrierungscode der traditionellen Stammestänze (odori), die den systematischen Aufbau der Kata beeinflussten. So besitzt jede Kata bis heute ein strenges Schrittdiagramm (Embusen). Die Effizienz der Chiffrierung der Techniken in Form einer Kata zeigt sich bei der Kata-Demonstration vor Laien: Für den Laien und in den ungeübten Augen des Karate-Anfängers muten die Bewegungen befremdlich oder nichtssagend an.

Selbst für einen Meister war es nicht einfach, die Kata einer anderen Schule zu lernen. Über allen Kata lag der Schleier des Geheimen, und kein Meister gab eine Kata ohne eine echte Lehrer/Schüler-Beziehung weiter. Selbst die Identität der Meister blieb anfangs lange Zeit verborgen, denn die japanischen Satsuma-Samurai, die die Insel besetzt hielten, versuchten ständig, die Kampfkunst-Dojo aufzuspüren. Die okinawanischen Meister der Frühzeit (17. Jahrhundert) kannten häufig nur eine Kata, die das Zentrum ihres Kampfstils bildete.

Aus dieser Abschottung entstanden so im Laufe der Zeit bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts auf Okinawa 24 Kata, die als Grundstock aller sich in den nächsten 150 Jahren entwickelnden Varianten dienten. Diese Kata waren in Okinawa auf die Schulen des Shuri-te, Tomari-te und Naha-te verteilt und keineswegs wie heute in Gruppen geordnet, denn jede Einzelne war (und ist noch heute) ein in sich geschlossener Kampfstil.

Erst nach Sokon Matsumura (Shuri) und Kosaku Matsumora (Tomari) begann man in den Dojos mehrere Kata zu üben, was schließlich zur Begründung der okinawanischen Stile führte.

Die eigentliche Bedeutung der Kampfhandlungen erschließt sich einem erst durch intensives Kata-Studium und der “Dechiffrierung” des Kata. Dies erfolgt im Bunkai-Training.

Bunkai (japanisch für Analyse, Auseinandernehmen) ist unsere Trainingsform, um uns ein besseres Verständnis der Kata nahezubringen.

Umschreiben kann man Bunkai „auch als anwendungsbezogene Sinnermittlung einer Kata“(Zitat Wikipedia). Die einzelnen Techniken werden über Kombinationen und Sequenzen bis hin zur kompletten Kata mit Partner durchdacht und mit praktischen Anwendungen ausgeführt.

In der Bunkai versuchen wir die kodierten Kampfhandlungen der Kata zu dechiffrieren. Das dadurch erhaltene Verständnis der Katatechniken wird im traditionellen Karate in zwei Stufen (Omote und Okuden) unterschieden.

  • Als Omote bezeichnen wir die offensichtliche Anwendung einer Kata. Damit meinen wir die äußeren Techniken und Kombinationen, sowie die Schrittfolgen (jap. Embusen), die wir jeweils einzeln oder als Partnerübung durchführen. Dieses Lernstadium kann von jedem ernsthaft Übenden erreicht werden und stellt die erste Stufe des Verständnisses einer Kata dar.
  • Die zweite Stufe – japanisch Okuden – zielt auf verborgene, nicht offensichtliche Anwendungsmöglichkeiten einer Kata und ihrer Techniken ab. Um auf diese Verständnisstufe zu gelangen, muss sich der Schüler mit weit mehr als der normalen Karatetechnik befassen. Hierfür steht das Studium der Vitalpunktstimulation und der Meridianlehre, mit Atemtechniken und Kime-Schulung, Hebel-, Griff-, Zwing-, Würge- und Wurftechniken an. Es versteht sich von selbst, dass dieses Stadium weitaus vielschichtiger, komplexer und schwieriger zu verstehen ist, als die Omote-Version. Nur wenige, sehr erfahrene Meister erreichen dieses Stadium der Kunst, und geben es auch nur an die treusten, gelehrigsten Schülern weiter, die somit in den “Inneren Kreis” einer Schule aufgenommen werden.

Erst das Studium des Bunkai einer Kata führt den Karateka zum Verständnis der Kata. Bunkai hat einen stark schöpferischen Charakter, da es den Karateka zwingt, sich nicht bloß mit der Form, sondern auch mit praktischen Sinn der Kampfhandlungen zu beschäftigen. Insofern steigert das Bunkai den Karateka in seinen Fähigkeiten in mehrerer Hinsicht: Erstens wird das grundlegende Verständnis für die Bewegungen offenbart, anderseits wird Atmung, Konzentration, Geistesgegenwärtigkeit, Timing, und das Auge sowie das Gefühl für den Partner entwickelt.

Während die reine Form (Kata) nicht geändert werden darf, kann die Anwendung je nach Auslegung variieren, da in einer Grundbewegung mehrere Anwendungsmöglichkeiten enthalten sind.